Schwinger und Moser, France, détours, Devoir et déroute (Episode 1), 2009, HD Video, Farbe, Sound, 26min 36sec, Courtesy the artists and KOW Berlin

Frédéric Moser und Philippe Schwinger

IBB-Videolounge

Kino und Theater – Referenzialität im Werk von Frédéric Moser und Philippe Schwinger

Frédéric Moser und Philippe Schwinger schöpfen aus einem Bildrepertoire, das Medien- oder Kriegsereignisse ebenso umfasst wie das Independent-Kino und alternative Theater. Einen besonderen Bezugspunkt bildet Letzteres nicht zuletzt, weil die Künstler zu Beginn ihrer Zusammenarbeit und vor ihrem Kunststudium von 1988 bis 1991 die Theaterstruktur „l‘atelier ici et maintenant“ in Lausanne leiteten. Mit szenischen Räumen zu arbeiten und mit Darstellungsformen des Theaters zu experimentieren, ist daher ein Charakteristikum ihrer Arbeiten.

In „Capitulation Project“ (2003) orientieren sie sich etwa an dem 1971 in New York uraufgeführten Stück „Commune“, das ein an vietnamesischen Zivilisten verübtes Massaker amerikanischer Soldaten während des Vietnamkrieges durch Interaktion mit dem Publikum begreiflich zu machen suchte. Während die Künstler in der Reinszenierung zwar die ursprüngliche Aufführungssituation rekonstruieren, entwickeln sie das Drehbuch vollkommen neu. In anderen Arbeiten arbeiten sie Filmsequenzen für die Bühne um – wie im Falle eines Fragments aus  John Cassavetes „Opening Night“ – oder nehmen die Affäre Monica Lewinsky zum Anlass, um in „Unexpected Rules“ ein Rollenspiel zu initiieren, das sich für die Strategien menschlichen Verhaltens interessiert.

Die im Theater angesiedelten Arbeiten der Künstler verlangen für das Screening im Ausstellungsraum aber nicht nur die technischen Bedingungen einer Filmpräsentation. Auch der Nachbau der Bühnensituation bildet einen wichtigen Teil der Installation. Mit der leeren Bühne als Sitzmöglichkeit für den Betrachter wird so einerseits die zeitliche Differenz zwischen Produktions- und Rezeptionsphase des Films thematisiert. Andererseits rekonstruiert die Offenlegung der Produktionsbedingungen aber auch jene direkte Erfahrung zwischen Betrachter und Spiel, wie sie nur das Theater kennt. Für das Screening in der Berlinischen Galerie wurden deshalb Arbeiten ausgewählt, die allein für Filmvorführungszwecke konzipiert wurden.

Acting Facts (2003)

Die Arbeit „Acting Facts“ kreist ebenfalls um das vietnamesische Massaker von My Lai. Der Ermittlungsausschuss, der 1970 in den USA einberufen wurde, war wichtiger Anstoß für die schwindende öffentliche Unterstützung des Vietnamkrieges in den USA. Die Begebenheiten des Tages, die ein Schauspieler rezitiert, gehen auf Zeugenaussagen der Soldaten vor der so genannten „peers commission“ zurück; der Schauspieler wechselt zwischen Erzählung und gestischer Darstellung. Der Film wird so zum Vermittlungsmedium wie auch zum Ort der Auseinandersetzung mit dem Kriegsgeschehen.

France, détours. Episode 1. Devoir et Déroute (2009/10)

Das französische Schulbuch „Le Tour de France par deux enfants“ war in französischen Grundschulen lange Zeit nicht nur eine Standardfibel, sondern auch ein maßgebliches Instrument dafür, die Idee der „Grand Nation“ in den Köpfen der Kinder zu verankern. 1979 strahlte das französische Fernsehen die Dokumentarserie „France/tour/détour/deux/enfants“ von Jean-Luc Godard und Anne-Marie Miéville aus. Mit Bezug auf das Lehrbuch hatten die Filmemacher zwei französische Kinder nach ihren Zukunftsvorstellungen und Träumen befragt und damit ein ganz anderes Bild von der „Grande Nation“ gezeichnet als das Lehrbuch. Moser und Schwinger ließen sich in der ersten Arbeit ihrer Filmreihe über Frankreich nicht nur formal von Godards Dokumentation inspirieren. Sie nutzen auch die Form des Interviews, um mit Jugendlichen des „Problembezirks“ Bellefontaine in Toulouse in Kontakt zu treten. Ihre Fragen zielen nicht explizit auf das pessimistische und klischeehafte Bild, das Medien und Politik angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und schlechten Schulbildung von den jungen Leuten zeichnen. Deren Antworten zeigen jedoch, wie sehr sie mit diesem Klischee vertraut sind und wie wenig sie sich damit identifizieren; vielmehr wehren sie sich gegen ein regulierendes Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das eine soziale Durchmischung zunehmend verhindert.

Revival Paradise (2005)

„Revival Paradise“ ist eine ins heutige Polen übertragene Neuinszenierung von Jim Jarmuschs „Stranger than Paradise“ (1984). Viele Filmpassagen stimmen in der Handlung mit dem Vorbild überein, das zentrale Thema unterscheidet die beiden Versionen jedoch. So geht es in „Revival Paradise“ um die kulturellen Unterschiede zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung Polens, die Veränderung des Landes nach dem Zerfall der Sowjetunion und die Suche der jungen Generation nach neuen Lebensmodellen.

PROGRAMM

France, détours
Devoir et déroute (Episode 1)
, 2009
HD Video, Farbe, Sound
26min 36sec

Revival Paradise, 2005
Digital Video, Farbe, Sound
55min

Acting Facts, 2003
Digital Video, Farbe, Sound
09min 40sec

Courtesy the artists and KOW Berlin

 

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