Laura Horelli, A Letter to Mother, 2013

Laura Horelli

12×12. Die IBB-Videolounge

Laura Horelli nähert sich in ihren Arbeiten der Geschichte auf subjektive Weise, häufig über ihre Familiengeschichte. Sie kombiniert Found Footage – angeeignetes Material wie etwa TV-Sendungen oder Fotografien – mit eigenen Aufnahmen, öffentliche mit privaten Bildern. Die Chronologie von Ereignissen wird in ihren Videos oft aufgelöst, und anekdotische Erinnerungen werden mit historischen Fakten verwoben. Auf diese Weise hebt Horelli das kritische Potenzial von Nähe hervor und distanziert sich von der (vermeintlichen) Objektivität, die traditionell mit Dokumentarfilmen verbunden wird.

A Letter to Mother, 2013, 27 min

In ihrer neuesten Arbeit begibt sich Horelli auf die Spuren ihrer früh verstorbenen Mutter. Diese verbrachte ihre ersten Lebensjahre in Queens, New York, da ihr Vater Diplomat war und häufig den Wohnort wechselte. Durch einen imaginären Brief bemüht sich die Künstlerin, die Bedeutung der Stadt für ihre Mutter nachzuempfinden. Sie versucht zu verstehen, weshalb in der Familie so wenig über diesen Lebensabschnitt gesprochen wurde.
Der Umzug ihrer Großeltern nach Brasilien nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dient als Ausgangspunkt für Fragen verschiedenster Art: In einem dichten Netz aus persönlichen Erinnerungen, überlieferten Familiengeschichten und Anekdoten wird deutlich, wie eng das Private häufig mit dem Politischen verwoben ist.
Horelli zeigt dem Betrachter dabei Ansichten von Flushing, jenem Stadtteil, in dem ihrer Familie lebte. Damit thematisiert sie implizit auch das Leben von Migranten im New York der 1950er Jahre, deren Alltag sich häufig in einem begrenzten Radius in der Vorstadt abspielte. Das Einflechten von scheinbar zusammenhangslosen Fakten – wie etwa der Benennung der Band Kiss nach einem New Yorker Park – dient zudem als Irritationsmoment: Es lässt den Betrachter zunehmend nach den Intentionen der Sprecherin fragen und gibt Raum für eigene Assoziationen.

Haukka-Pala (A-Bit-to-Bite), 2009, 28 min

Auch in Haukka-Pala spielt Laura Horellis Mutter eine zentrale Rolle: Man sieht sie mit Mitte 30, wie sie als Moderatorin einer Kindersendung über gesunde Ernährung spricht. Horelli verwendet hier VHS-Material des finnischen Fernsehsenders YLE TV2, das auf einer zweiten Tonebene durch Anmerkungen der Künstlerin ergänzt wird: Zu hören sind Erinnerungen an die Erkrankung der Mutter sowie an familiäre Gewohnheiten, Auszüge aus dem Tagebuch der Mutter als junge Frau und einer ihrer Briefe an die Großmutter der Künstlerin.
Die privaten Rückblicke auf die Mutter werden auf diese Weise mit dem Mutterbild verglichen, das sie öffentlich verkörperte. Überraschendes kommt zutage: So spielt etwa dieselbe Frau, die einige Jahre zuvor in Kenia bei einer Frauenorganisation gearbeitet hat, in der Fernsehsendung das aus heutiger Sicht kolonialistisch anmutende Brettspiel „Afrikas Star“. Ebenso wie die Verschiedenheit von privater und öffentlicher Wahrnehmung einer Person wird auch die Verlässlichkeit von Erinnerungen thematisiert, etwa wenn Horelli den Gesichtsausdruck der Mutter mit den Bildern in ihrem Gedächtnis vergleicht. Zudem kann Haukka-Pala als Reflexion auf das Medium Fernsehen begriffen werden: Die langsame, unaufgeregte Erzählweise der Kindersendung macht deutlich, wie sehr sich unsere Sehgewohnheiten in den letzten Jahrzehnten geändert haben.


 

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