Blick in die Sonne

Jakob Mattner und Sonnenforscher des Einsteinturms

Die Ausstellung „Der Blick in die Sonne“ zeigt Ergebnisse eines einzigartigen Austauschs zwischen Kunst und Wissenschaft. Der Künstler Jakob Mattner arbeitete mit den Astrophysikern des Einsteinturms in Potsdam über einen Zeitraum von rund zwei Jahren. Gemeinsam näherten sie sich den ästhetischen Phänomenen ihrer unterschiedlichen Bilder zum gleichen Gegenstand: der Quelle des Lichts und des Sehens. So entstanden imaginierte wie beobachtete Bilder, gefiltert durch das jeweilige Medium.


Die verborgene Theorie des Sehens, die sich in jeder künstlerischen Aktion von Jakob Mattner offenbart, trifft sich in diesem Projekt mit der naturwissenschaftlichen Mechanik der indirekten Wahrnehmung. Der 1924 in Betrieb genommene Einsteinturm sollte durch Messungen im Sonnenspektrum Albert Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie verifizieren. Im Vordergrund des Ausstellungsprojekts steht jedoch nicht die weltberühmt gewordene Architektur von Mendelsohns Monument der Forschung, sondern das, was die Sonnenforscher und ihre Nachfolger in Jahrzehnten gesehen, notiert und dokumentiert haben.

Jakob Mattners Kunst zwischen Licht und Schatten öffnet mit der Ausstellung den Blick auch auf bestechende ästhetische Qualitäten der Bilder der Wissenschaftler. Es werden erstmals Astronomen-Nachlässe aus dem Einsteinturmarchiv und der Berlin- Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften aus dem frühen 18. Jahrhundert bis hin zu aktuellen Forschungsbildern des 21. Jahrhunderts gezeigt.

Lithographien von Augenhintergründen aus dem Archiv von Jakob Mattner, die „Berlinische Trübung“ und „Raumzeit-Kladden“ treten in Dialog mit seinen Lichtinstallationen und den sogenannten Falschfarben der Wissenschaftler, ihren Visieren, Filtern und Umlenkprojektionen. Kunst und Wissenschaft gemeinsam ist die Behauptung des Unmöglichen. Brodelndes Schwarz-Weiß-Plasma und Sonnen-Eruptionen in Giftgrün, „Der gezielte Blick“ und “Der blinde Fleck“ veranschaulichen diesen Denkansatz. Jakob Mattner hat sich in seiner Kunst nie direkt der Quelle allen Lichts, der Sonne, zu-gewandt. Seine Arbeit ist indirekt, reflektierend in der doppelten Bedeutung des Wortes. Er benutzt künstliche Lichtquellen und Spiegel, um Wirkungen zu erzeugen, die immaterielle Gebilde erschaffen. So wie Tag und Nacht von der Sonne abhängen, wird Mattners Kunst durch die von ihm eingesetzte elektrische Lichtquelle beherrscht. Das Ergebnis ist Gleichnis des kosmischen Vorganges.

„Die Bedeutung des Bildes ist für Sonnenphysiker weder durch moderne Technologien, noch durch abstrakt erscheinende Analyseverfahren und Modellrechnungen verdrängt worden. Der erste visuelle Eindruck des Forschers beim sorgfältigen Betrachten des Bildes ist von entscheidender Bedeutung: für das Erkennen von Zusammenhängen und für die Entscheidung über das weitere Vorgehen im Forschungsprozess.“(Prof. Dr. Jürgen Staude, Sonnenobservatorium Einsteinturm Potsdam 2005)

Die Ausstellung „Der Blick in die Sonne“ zeigt die unterschiedlichen Herangehensweisen von Künstler und Wissenschaftler, die dennoch zu ähnlichen bildnerischen Ergebnissen führen. Der Künstler wird durch die kosmischen Vorgänge zu seiner individuellen Bildwelt angeregt, während der Wissenschaftler Bilder nutzt, um zu objektiven Ergebnissen zu gelangen.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, herausgegeben von Anna Maigler und Volker Rattemeyer, mit Essays und zahlreichen, bisher unbekannten Abbildungen.

LESUNGEN SONNTAGS 11.00 UHR

Ausstellung in Wiesbaden 20. November 2005 – 30. April 2006

 
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