Antje Engelmann, Eine Anleitung, um die Vergangenheit zu ändern (2011), © Antje Engelmann

Antje Engelmann

IBB-Videolounge

Antje Engelmanns Filme drehen sich um Herkunft und Familiengeschichte. Dabei bewegt sie sich zwischen den Polen von direkter Dokumentation und Inszenierung. Persönliche Geschichte wird vor wie hinter der Kamera arrangiert und aufbereitet.

Renate (2005) 

Der Film „Renate“ begleitet die über 50-jährige Prostituierte Renate von Ulm über Hamburg nach Berlin. Diese Reise auf Deutschlands Autobahnen und an die früheren Wohn- sowie Arbeitsorte der Protagonistin ist ein Sinnbild für Renates Lebensgeschichte, in die der   Zuschauer von der Filmemacherin immer tiefer eingeführt wird. Begonnen in ihrer Wohnung, in der sie sich auf den Besuch eines Stammfreiers mit speziellem Fußfetisch vorbereitet, zeichnet der Film das Leben einer Frau nach, die den Weg in ein Milieu und Abenteuer gesucht hat, dessen glamouröser Schein der frühen Jahre längst abgeblättert ist. Die Freiheit und Unabhängigkeit, nach der die junge Renate sucht, wird nachvollziehbar in ihren Erzählungen vom schnellem Geld und dem Gefühl, begehrt zu werden. Durch die Geschichten wird deutlich, dass Renate das Anbieten des eigenen Körpers nie als Demütigung empfand, sondern vielmehr als Ausdruck eines alternativen   Lebensgefühls. Prostitution war für sie kein schnödes Business, sondern bot die Möglichkeit der Persönlichkeitsbildung durch eine aktive und überdies bezahlte sexuelle Kultur. Und so blickt Renate nicht bitter auf ihre Vergangenheit, sondern amüsiert auf eine aufregende Zeit zurück, die allerdings - so ihr Resümee - irgendwann ein Ende hätte finden sollen. Schließlich ist es nicht nur der radikale Unterschied zwischen der heutigen Form von Prostitution und derjenigen der 1970er Jahre sowie die finanziell prekäre Situation, denen Prostituierte heute ausgesetzt sind, der das Leben Renates weniger glamourös gemacht hat. Es ist auch die nüchterne Einsicht, welche langfristigen Konsequenzen die Prostitution nach sich ziehen kann – schließlich, so die Protagonistin, stirbt in diesem Beruf, „die Seele jeden Tag ein Stück“.
Antje Engelmann begleitet ihre Tante mit einer Handkamera und richtet die Linse allein auf ihr Gegenüber, ohne jemals ihren Erzählfluss zu unterbrechen. Sie ist eine Beobachterin, die zwar die Erzählung strukturiert, Renate jedoch nichts entgegensetzt - weder Fragen noch moralische Bedenken.

Wie Wann Wo Warum (2007)

„Wie Wann Wo Warum“ behandelt den Tod des Hamsters Rufus und die Verarbeitung seines Verlustes durch die 12-jährige Schwester der Künstlerin, Laurin. Was anfangs wie eine filmische Beobachtung anmutet, erweist sich auf den zweiten Blick als Möglichkeit, die Trauerarbeit der Schwester zu kanalisieren und ihr damit auf eine andere Ebene zu verhelfen. Mit der Nachricht, dass das Tier eingeschläfert werden muss, kreiert Antje Engelmann ein Einäscherungsritual: An einer einsamen Stelle im Wald baut sie mit Laurin einen kleinen Altar auf und beobachtet den in Flammen aufgehenden Kadaver. Das Ritual lässt die Darsteller verstummen und öffnet damit den Raum für ein Nachdenken des Zuschauers über die Macht symbolischer Handlungen. Solchen Fragen nach dem Sinn von Ritus und Symbolik geht jedoch nicht nur der Betrachter nach. Auch Engelmanns neuester Film behandelt sie ausführlich.  

Eine Anleitung, um die Vergangenheit zu ändern (2011) 

Bereits 2003, als ihre Urgroßmutter noch lebte, begann die Künstlerin die Arbeit an diesem filmischen Großprojekt. Erzählt wird die Familiengeschichte Engelmanns als vielschichtiges Konstrukt aus dokumentarischem, ritualhaft inszeniertem und gefundenem Material, wie Spielfilmsequenzen und dem Archiv der Super 8 Filme ihrer Familie.
Den strukturell wichtigsten Bezugspunkt bilden die donauschwäbische Abstammung ihrer Familie sowie die Riten und Symbole dieser Volksgruppe. Wie Antje Engelmann auf ihrer persönlichen Spuren- und Identitätssuche arbeitet, gleicht einer ethnographischen Studie. Über persönliche Gespräche innerhalb der Familie arbeitet sie sich zurück und begibt sich auf eine Reise, die den gleichen Weg beschreibt, den die vertriebenen Urgroßeltern von Ungarn nach Deutschland genommen haben. Von dort aus geht es weiter in eine donau-schwäbische Kolonie nach Brasilien, wo sie sich mit dem Alltag einer Gemeinde auseinandersetzt, die, in einer Art Diaspora-Situation, noch heute gemäß den Traditionen und Bräuchen ihrer Vorfahren lebt. 
Die eigene Biografie ist somit der Ausgangspunkt für die Frage nach der Bedeutung von Heimat und Ritus in einer gemeinhin als kosmopolitisch titulierten Welt. Wie wichtig sind traditionelle Kleidung, Dialekte, Essgewohnheiten, also die Bewahrung von Tradition, um durch Abgrenzung ein Gefühl von Zugehörigkeit und persönlicher Verortung zu erzeugen? 
Engelmanns Annäherung an die eigene Geschichte schwankt zwischen Anziehung und Abstoßung. Sie wirft aber auch Fragen auf: Wie rekonstruiert man Vergangenheit? Aus Bildern, aus Erzählungen, Zeitreisen oder durch Erinnerungsstücke und Erbgegenstände? Wie prägen Bilderarchive unsere persönliche Erinnerung? 
Passiert das Nachvollziehen des Vergangenen im Film zuerst noch auf musealer Ebene im Donauschwäbischen Zentralmuseum, so entpuppt sich der Besuch in Entre Rios, Brasilien, als eine Möglichkeit, in ein konserviertes Milieu einzutauchen. Das, was anfangs noch mühsam rekonstruiert werden musste, weil donau-schwäbische Tradition in Deutschland nur noch in Museen und Trachtenvereinen gepflegt wird, wird in Brasilien gelebte Realität. Schließlich jedoch scheint allein das Ritual eine Art Katharsis zu ermöglichen: Indem sie am Ende mit ihrem Bruder, beide in Tracht, den ungarischen Csárdás tanzt, wird die Vergangenheit zur Performance und dadurch tatsächlich erlebbar. 
Das collagierende filmische Vorgehen gibt der Künstlerin nicht nur die Möglichkeit verschiedene Spielarten der Rekonstruktion von Vergangenheit und Konstruktion von Identität durchzuspielen, sondern lässt die filmische Erzählung überdies gekonnt zwischen Determinierung und Selbstfindung changieren.

 

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