Christian Niccoli: Planschen, 2008, © Christian Niccoli

Christian Niccoli

IBB-Videolounge

Die Filme Christian Niccolis entsprechen nur selten den gängigen Erwartungen an eine filmische Erzählung. Seine Arbeiten lassen sich eher als „Bilder“ bezeichnen, welche die Wirklichkeit in einer metaphorischen und abstrakten Weise abbilden und das Nachdenken des Künstlers über komplexe Themen und Beziehungen ins Bild setzen. Darunter fällt die Reflektion über innerfamiliäre Beziehungskonstellationen, Sozialisierungsprozesse im Kindesalter oder den Schwebezustand, in dem sich junge Menschen in Berlin befinden. Die Reflektionsprozesse werden oft durch Niccolis eigene Lebenserfahrung sowie die seiner Freunde ausgelöst. Sie sind somit das Resultat von Beobachtungen in seinem persönlichen sozialen Umfeld. Manchmal aber wird dieser Radius auch aufgebrochen. Dies geschieht beispielsweise, wenn der Künstler mit Interviews arbeitet und Zitate aus ihnen in seinen Film einfließen lässt.  

In Berlin, wo Christian Niccoli seit 2002 lebt, interessiert er sich vornehmlich für die junge Generation jener Zwanzig- bis Ende Dreißigjährigen, die andere Berufe gewählt haben als ihre Eltern. Sie haben ihre Heimat verlassen und sind weder materiell abgesichert noch emotional in einer stabilen Beziehung verankert. Im Vergleich zu den völlig anders gearteten und bereits oben genannten Themenkomplexen Familie und Kinder zeigt sich bei diesen Arbeiten, dass sich das Nachdenken über bestimmte Sachverhalte mit dem Wohnort und der Lebenssituation des Künstlers verändert. So rücken – bedingt durch den Umzug nach Berlin – seit einigen Jahren die Themen Freiheit und Selbstverwirklichung in den Mittelpunkt seines Schaffens. Diese Tatsache lässt vermuten, dass Niccolis Filme als Bildwerdungen einer psychologischen Auseinandersetzung des Künstlers mit sich und seiner Generation zu lesen sind.    

Escalating Perception / The Gaze (2004) 

Eigentlich als Trilogie angelegt, ist "Escalating Perception" eine Studie über die Gedanken, Gefühle und das soziale Verhalten von Menschen, die im öffentlichen Raum aufeinander treffen. Fragen danach, wie sie aufeinander reagieren, sich begegnen und welchen Gedanken sie nachhängen, spielen bei all den Filmen dieser Serie eine zentrale Rolle. 
Der Schauplatz von "Escalating Perception / The Gaze" ist eine Rolltreppe am Berliner S-Bahnhof „Potsdamer Platz“. Das gedoppelte Bild zeigt verschiedene Personen, die auf zwei Treppen nach oben bzw. unten fahren. Die Bewegung betont somit nicht nur die zentrale Schnittkante, sondern sorgt auch für eine gleichmäßige, jedoch entgegen gesetzte Bewegung, die dem Film seinen Fluss verleiht. 
Wie die Situation vermuten lässt, bewegen sich die Darsteller nicht selbst, sondern werden, auf der Rolltreppe stehend, vielmehr an der Kamera vorbei transportiert. Wie sie also in ihrer Bewegung „fremd gesteuert“ werden, sind auch die nach und nach geäußerten Vorlieben bei ihrer Partnerwahl oder die Äußerungen bezüglich ihres Flirtverhaltens keine persönlichen Statements. Es handelt sich bei ihnen vielmehr um Zitate aus Interviews, die Christian Niccoli mit männlichen wie weiblichen Singles zwischen 30 und 40 Jahren führte. Mithilfe dieser Interviews versuchte er zu ergründen, wie flexibel Menschen dieser Altersgruppe in ihrer Partnerwahl sind und mit welchen Mitteln sie einen Partner für sich zu gewinnen versuchen. Die Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit, mit der sich die Passanten äußern, steht dabei in einem seltsamen Kontrast zu ihrem zeitlich knapp bemessenen Auftritt. So wirkt das Staccato ihrer Äußerungen wie vorüberziehende Bruchstücke von Wünschen und Sehnsüchten, die vielfach aufzeigen, wie sehr das Idealbild des Partners stets an das eigene Selbstbild anknüpft.     

Planschen (2008) 

Mit der Arbeit "Planschen" versucht Christian Niccoli ein Bild zu finden für die berufliche und finanzielle Instabilität, der viele junge und zumeist kreative Menschen unter Anderem und besonders in Berlin ausgesetzt sind. Seine Protagonisten steckt er dafür in Schwimmreifen und lässt sie im Meer treiben. Anfänglich gibt es eine Konzentration auf die – teils misstrauischen, teils neidischen – Blicke, die sich die einzelnen Planschenden einander zuwerfen, ohne tatsächlich miteinander zu kommunizieren. Dann zoomt die Kamera immer weiter auf die Meeresoberfläche hinaus. Dieser neue Blickwinkel wirkt geradezu ernüchternd, zeigt er doch, dass der Schwebezustand keiner ist, der nur Einzelschicksale betreffen würde. Im Gegenteil, wie ein Schwarm Gleichgesinnter erscheint die Masse der Treibenden auf der hohen See, die keine Sandbank oder Aussicht auf einen Küstenstreifen erwartet. In dieser Hoffnungslosigkeit ist dem Bild durchaus eine Tragik eigen, lässt sie es doch als universelle Metapher für die unsicheren Lebenbedingungen der heutigen jungen Generation verständlich werden.  

Der Weg zur Freiheit (2010)    

In Anknüpfung an "Planschen" scheint das relativ abstrakteVideo „Der Weg zur Freiheit“ wie ein Versuch, dem orientierungslosen Sich-Treiben-Lassen aus dem oben genannten Video eine Struktur zu geben. Mittels einer einfachen Versuchsanordnung, welche dichte Rauchschwaden durch eine Gitterstruktur in eine Form bringt, versucht Niccoli den Betrachter zu philosophischen Fragestellungen zu ermuntern. Dabei spielt er insbesondere auf den Begriff der Handlungsfreiheit an und auf die Frage, ob die Abwesenheit äußerer Zwänge und Bindungen den Menschen tatsächlich glücklich macht. Insbesondere die Frage, ob der Mensch überhaupt dazu fähig ist, mit Freiheit umzugehen, bildet den Kern von Niccolis Auseinandersetzung. Seine persönliche Einschätzung auf diese Frage ist folglich ebenso Bestandteil des Werkes wie die Fragestellung: Erst durch eine Restriktion, so der Künstler, ist echte Freiheit oder zumindest eine erträgliche, von Grenzen geprägte Freiheit möglich.

 

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