Konrad Mühe, Fragen an meinen Vater, 2011, © Konrad Mühe

Konrad Mühe
Fragen an meinen Vater

IBB-Videolounge

Als am 22.07.2007 einer der prominentesten deutschen Schauspieler, Ulrich Mühe, überraschend jung verstarb, setzte in der Presse eine Flut von Nachrufen ein. Besonders die Tagezeitung „Die Welt“ war in ihrem Text darum bemüht, herauszustellen, auf welche Weise Mühes Leben mit seinen Filmrollen, insbesondere mit jener des Films „Das Leben der Anderen“, verwoben war. 2011 veröffentlichte sein Sohn Konrad die Arbeit „Fragen an meinen Vater“. Darin findet ein Gespräch zwischen Vater und Sohn statt, bei dem Konrad Mühe die Rollen des Vaters als Basis eines Dialogs nutzt und dadurch die Grenze zwischen privater und öffentlicher Person weitestgehend aufzuheben vermag. So persönlich mutet dieser Film an, dass der Zuschauer spürt, wie wichtig dieses fiktive Gespräch für das Selbstverständnis und die Positionierung des Sohnes ist. 

Drei Jahre lang hat Konrad Mühe sämtliches Filmmaterial, das im Verlauf der schauspielerischen Karriere seines Vaters entstanden war, sondiert, um „Antworten“ auf jene intimen und persönlichen Fragen zu finden, für die nach dessen Tod Klärungsbedarf bestand. Statt eigene Filmaufnahmen zu verwenden und den Dialog zu personalisieren, schuf er mithilfe von found footage, das heißt nicht selbst gedrehtem Material, ein sehr persönliches, jedoch gänzlich unsentimentales Porträt seines Vaters.

Es mag zunächst verwundern, dass den unausgesprochen bleibenden Fragen des Sohnes, die jeweils den Auftakt eines Kapitels markieren, die teils theatralischen Antworten eines Schauspielers folgen. Noch dazu eines Schauspielers, der es meisterlich beherrscht, alle Spielarten der Emotion von Reue über Rage und Ag-gression bis Beleidigung durchzuexerzieren. Es ist aber gerade die große Bandbreite an Gefühlen, Blicken und Gesten, welche den Film als eindrückliche Erinnerung an einen großen Schauspieler ausweist. Auch die schnellen Schnitte und Einstellungswechsel sowie die Pausen, welche der ausdrucksstarken Mimik Ulrich Mühes Raum geben, unterstreichen dessen breites Repertoire.
Durch diese Herangehensweise wird jedoch auch deutlich, wie sehr der Künstler mit dem schauspielerischen Potential seines Vaters hintersinnig zu spielen weiß. So beleuchtet der Film nicht nur die Facetten und Rollenspiele des Schauspielers als Entertainer, öffentliche Person und kompromisslose Künstlerpersönlichkeit, sondern stellt auch eine Einfühlsamkeit des Protagonisten dar, in der der Betrachter den privaten Ulrich Mühe zu erkennen glaubt. 

Mit der Konzentration auf das gefundene Material führt Konrad Mühe vor Augen, welche Position er als Fragesteller einnimmt: Er besetzt die Rolle des Regisseurs, steuert die Dramaturgie und stellt den Vater so dar, wie es seiner Erinnerung und Vorstellung entspricht – ob reumütig oder verhärmt, überschwänglich oder anklagend. Auf diese Weise wird ganz bewusst eine „Wahrheit“ konstruiert. Weiterhin wird insbesondere an den stilistischen Mitteln wie dem Schnitt, der auch die musikalische Untermalung des Films beeinflusst, die Manipulation des schauspielerischen Erbes des Vaters für Konrad Mühes künstlerische Anliegen evident.

Ob diese Vorgehensweise vertretbar ist, thematisiert der Film ebenfalls und so steht neben einem anfänglich diskutierten Vater-Sohn-Konflikt insbesondere die Frage nach der Aneignung von filmischem Material für künstlerische Zwecke und familienpsychologische Fragestellungen im Raum. Letztlich geht es also ebenso um die nicht immer einfache Beziehung eines heranwachsenden Mannes zu seinem Vater wie um die Frage, wie man sich von einer solch starken und zugleich schwierigen Vaterpersönlichkeit künstlerisch befreien kann. Ist es möglich, aus fiktivem Material eine Antwort für die eigene Wirklichkeit zu generieren? 
Und muss nicht gerade angesichts der Tatsache, dass der Film posthum und somit ohne die Einflussnahme des Protagonisten entstand, vorrangig gefragt werden: Können die Antworten des Vaters überhaupt als valides Feedback auf die Fragen des Sohnes verstanden werden? Ist es nicht vielmehr ein Monolog des Sohnes, der zwar versucht, sich in die Rolle des Vaters hineinzuversetzen, letztlich aber darum bemüht ist, einen Vaterkonflikt zu bewältigen?

Diese psychoanalytische Dimension des Films beschränkt sich nicht nur auf das Frage-Antwort-System. Auch die Prologszene, in welcher der schlafende Protagonist  aufgeweckt wird, markiert jene Analogie zwischen Film und Traum, welche von der psychoanalytischen Filmtheorie und insbesondere durch den französischen Theoretiker Jean Louis Baudry geprägt wurde. Er legte nicht nur die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Phänomenen dar, sondern betonte auch, dass das Kino, ebenso wie der Traum, den Eindruck einer Wahrnehmung von Realität beim Betrachter erwecken würde.

Mit einer solchen Referenz unterstreicht Konrad Mühe nicht nur das Spiel, das er mit den Konzepten Wirklichkeit und Fiktion treibt. Er versucht gar jeweils ihre Bedeutung gegeneinander auszuloten. So bricht er einerseits immer wieder die dialogische Struktur auf, indem er verschiedenste Einzelsequenzen durch markante Schnitte aneinanderreiht. Oder er verunklärt die Bildschärfe dadurch, dass er so weit in das Filmmaterial hinein zoomt, bis sich das Bild in seine Pixelstruktur aufzulösen scheint. Im gleichen Zug bemüht er sich allerdings auch darum, die Grenze zwischen Film und Zuschauer zu überschreiten und ihn – einem Akteur gleich – in den Film mit einzubeziehen. So werden zwischen die wenigen Sprechpassagen schweigende Blicke eingebaut, in denen sich der Betrachter nicht nur angesehen, sondern geradezu durchleuchtet fühlt. Und nicht zuletzt etablieren die stummen Fragen eine Kommunikationsebene mit dem Zuschauer, der durch sie ermutigt werden soll, an der Dialogsituation teilzunehmen. 

 

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