Maya Schweizer / Clemens von Wedemeyer

IBB-Videolounge

Metropolis. Report from China (2006)

Fritz Langs Film Metropolis aus dem Jahr 1927 inszeniert die Kulisse der utopischen Stadt „Metropolis“ als beeindruckende, jedoch dystopische Maschinerie. Die Maschinen spielen in dieser Stadt eine zentrale Rolle: Sie bestimmen den Arbeitstakt der in der Unterstadt lebenden Arbeiter, welche diese wiederum unermüdlich am Laufen halten müssen. Und sie machen das Leben der Menschen in der reichen Oberstadt angenehmer: Schließlich profitieren diese von einer Technik, welche Annehmlichkeiten wie Aufzüge oder elektrische Beleuchtung garantiert. Die Maschinen sind folglich nicht nur die Mittler zwischen Ober- und Unterstadt, sie bedingen zudem eine – auch städtebaulich sichtbare – soziale Kluft.

In ihrer Darstellung als Stadtorganismus, in der gebaute Stadt, Arbeit und Technik einander bedingen, erweist sich Metropolis als eine hochkomplexe urbane Landschaft, welche an konstruktivistischen Architekturvisionen orientiert ist. Ein funktionales Gebilde aus mehrstöckigen Bauten und Schnellstraßen, dominiert von einem Monument namens „der neue Turm Babel“ und durchzogen von Bahngleisen und Helikoptern. Eine Stadt, die – bis heute – als Kulisse beeindruckt. 

Für Fritz Lang war es die Stadt New York, die ihn seit einem Aufenthalt 1924 durch ihre gesellschaftliche und architektonische Realität beeindruckte und zu seinem Film inspirierte. Maya Schweizer und Clemens von Wedemeyer hingegen beschäftigten sich während eines einmonatigen Aufenthalts 2004 mit den Megastädten in China, um deren Potenzial als Kulisse eines „Remakes“ von Metropolis zu recherchieren. Die Faszination für ein Land im Aufbau, das sich gerade neu definiert, für ein China vor den Olympischen Spielen und vor der Realisierung der ersten superlativen Wolkenkratzer bewegte die beiden zu dieser Reise. Wird in China, so die ihrer Reise zugrunde liegende Fragestellung, jene Vision Wirklichkeit, die Metropolis vorgezeichnet hat? Oder konkreter: Nimmt durch den Bau von Megastädten wie Peking und Shanghai sowie angesichts ihrer frappierenden Energie eine zeitgenössische Variation von Metropolis Gestalt an? 

Es mag verwundern, dass der entstandene Film  im Hinblick auf das Genre oder die filmische Ästhetik in keiner Weise an den symbolisch aufgeladenen und pathetischen Stummfilm von 1927 erinnert. Maya Schweizers und Clemens von Wedemeyers Dokumentarfilm Metropolis. Report from China wirkt vielmehr wie dessen Gegenstück: das nüchterne Porträt eines Landes, das über sch hinauszuwachsen versucht, während es sich in ökologischer und sozialer Hinsicht in eine selbst geschaffene Katastrophe bewegt. So suggerieren es die dystopischen Bilder der in Verkehrsstaus erstickenden, dunstigen Megastädte. Obwohl uns diese Bilder bekannt sind, gelingt es den beiden Künstlern, dem Film eine eigenartige Spannung zu verleihen.

Eine Spannung, die sie insbesondere mittels der Gegen-sätzlichkeit von Gezeigtem und Gesagten erzeugen. Denn die Bilder und Aussagen der Interviewpartner wollen in den meisten Fällen nicht zusammenpassen. So fragt man sich angesichts der im Film präsentierten Lebenswirklichkeit nicht zuletzt, warum Megastädte wie Shanghai und Peking trotz der meist unzumutbaren Lebensbedingungen zum Mekka und Sehnsuchtsort westlicher Architekten werden konnten. Sicherlich weil hier noch im großen Maßstab gebaut und Architektur als Statussymbol eingesetzt wird. Altes wird abgerissen, der Stadtraum neu definiert. Doch das Ergebnis dieses Prozesses hat mit der Utopie im Sinne von Metropolis nur noch wenig zu tun. Das chinesische Stadtbild des 21. Jahrhunderts ist vielmehr eine Ballung überdimensionaler, nüchterner Bauten neuester technischer Standards, wie man sie in Europa oder selbst in Amerika in dieser Häufung kaum mehr antrifft. Die sogenannte „Utopie“, die China suggeriert, hat folglich wenig mit jener Utopie zu tun, wie sie die Moderne erträumte. Kalkuliert greift sie vielmehr auf jene architektonischen und städtebaulichen Bauschemata zurück, die sich im Westen längst etabliert haben.

Fritz Langs Metropolis, so erklärt ein chinesischer Archi-tekt im Gespräch, wäre im Gegensatz zu den Verände-rungen in Peking und Shanghai noch von der romantischen Idee einer neuen Stadt getragen gewesen. In China hingegen gehe es um „quantities and numbers“. Chinas Bauboom, so demonstriert es der Film, ist ein Akt der Superlative, der einen hohen Preis fordert – wie nicht allein der Blick auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter aus den chinesischen Provinzen zeigt.

Maya Schweizer und Clemens von Wedemeyer kontras-tieren das filmische Vorbild mit der Gegenwart und regen zum Nachdenken darüber an, inwiefern die gebaute Realität ein Land und seine Bevölkerung beeinflusst. Stellt Lang diese Beziehung noch parabelhaft und überzeichnet dar, so verhandeln die beiden Künstler die Botschaft des Vorbilds zeitgemäßer. Metropolis dient ihnen lediglich als Reflektionsfolie für den kritischen Betrachter, der sich ein eigenes Bild des heutigen Chinas machen soll. Die Frage nach Utopie oder Dystopie, welche diese Gegenüberstellung aufwirft, bleibt jedoch ebenso unbeantwortet wie der finale Blick der Filmemacher hinter die Fassaden und in die Vergnügungswelt unkommentiert bleibt. 

Es gibt nur wenige Projekte, an denen Maya Schweizer und Clemens von Wedemeyer als Künstlerduo arbeiten. Neben Metropolis. Report from China gab es bislang den gemeinsamen Film Rien du tout, der 2006 im Rahmen der 4. berlin biennale zu sehen war.

 

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