Nina Fischer und Maroan el Sani

IBB-Videolounge

Nina Fischers und Maroan el Sanis frühe Jahre als bildende Künstler waren maßgeblich geprägt von ihrem Lebens- und Arbeitsumfeld im maroden, von einer Vielzahl an Künstlern und Musikern bewohnten Berlin-Mitte der Wendezeit. 1990 bezogen sie zusammen mit Künstlerkollegen eine leer stehende Fleischerei in der Tucholskystraße, wo sie ihr Atelier, ihre Wohnung sowie eine Bar einrichteten und dort Veranstaltungen und Ausstellungen organisierten. So schufen sie sich ein Umfeld, das für die Produktion und Präsentation von Kunst und zugleich für den Diskurs darüber bestimmt war. Die Erfahrung der freien Verfügbarkeit von Raum sowie Beobachtungen darüber, in welcher Weise sich Orte im Laufe der Zeit von ihren ursprünglichen Funktionen und Zuschreibungen lösen, wurden seither prägend für ihre künstlerischen Arbeiten. In ihnen beschäftigt sich das Duo insbesondere mit Orten und Gebäuden, die – bedingt durch den gesellschaftlichen, ökonomischen oder politischen Wandel – ihre (kulturelle) Bedeutung verloren haben. Fischer und el Sani interessiert die Phase, die dem Verschwinden oder Umbau eines Gebäudes bzw. Ortes vorausgeht: jene Zeit, in der die Künstler einen Ort frei erforschen und ihn so neu definieren und denken können.  

Klub 2000 – rom paris marzahn (1998) 

„Klub 2000“ ist eine Reaktion auf das Ende der Aufbruchstimmung in Berlin-Mitte, das sich ab 1998 infolge der Gentrifizierung und fortschreitenden Sanierungsmaßnahmen abzuzeichnen beginnt. Gelangweilt von dem Überfluss an Bars, Clubs sowie Szenetreffs und auf der Suche nach einem Ausbruch aus der zur Komfortzone gewordenen „Mitte“, macht sich ein junges Paar auf den Weg nach Marzahn. Dort angekommen bleibt – umgeben von mehrstöckigen Plattenbauten und Würstchenbuden – die anfängliche Begeisterung, hier einen neuen Club zu eröffnen, jedoch aus. Die Atmosphäre der Großsiedlung entspricht nicht den Vorstellungen der beiden, und die Vision des Aufbruchs in die Peripherie entpuppt sich nach und nach als reiner Ortswechsel: Zwar soll der Standort ein neuer sein, aber auch das alte Mitte-Publikum nach wie vor bedient werden. 
Interessanterweise ist der Ausflug der Protagonisten keine Erfindung der Filmemacher, sondern vielmehr eine Verarbeitung dessen, was die Wohnungsbaugesellschaften in Berlin Ende der 1990er Jahre versucht hatten. So wurden Bustouren angeboten, um die jungen und experimentierfreudigen, zugezogenen Hauptstädter für die weniger beliebten Bezirke der Stadt zu begeistern. Trotz solcher Bemühungen aber blieben die verwaisten Ladenzeilen Marzahns meist unattraktiv. Der in Mitte noch so überschwänglich gefeierte Pioniergeist war jenseits des Zentrums schon erloschen. 

The Line (2010) 

Im Süden Dänemarks, in einer ehemaligen Werft in Nakskov, entstand dieser Film über einen Schiffbauer. Dieser ist an seinen ehemaligen Arbeitsplatz zurückgekehrt und streift über das weitgehend geräumte Gelände, das in der Nachfolge von einer Firma genutzt wird, die Flügel für Windräder produziert. Der Zuschauer wird Zeuge seines inneren Kampfes, der nicht nur durch die Schließung der Werft und dem damit zusammenhängenden Verlust seines Arbeitsplatzes bedingt ist. Auch von seinem Handwerk Abschied nehmen zu müssen, verursacht einen gravierenden Einschnitt in sein Leben. 
Visuell wird dieser Verarbeitungsprozess als Vermessungsperformance inszeniert. So zeichnet der Mann mit Kreide, Sprayfarbe oder einem Seil eine Linie hinter sich her, die nicht nur das Gelände kartografiert. Die Linie visualisiert auch sein Bemühen, loslassen zu lernen, indem er die Leere des Geländes begreift. Sein manisches Vorgehen spiegelt vor allem seine Unsicherheit und Anspannung darüber wider, nicht vorhersehen zu können, wie seine Zukunft und die des Werftareals aussehen werden.

Narita Field Trip (2010)

Seit ihrem ersten Aufenthalt in Tokio im Jahr 1998 sind Nina Fischer und Maroan el Sani immer wieder nach Japan zurückgekehrt, um Projekte zu realisieren, ihre Arbeiten zu zeigen und um zu unterrichten. 2010 stießen sie auf die Geschichte um die Entstehung des Flughafens Narita, der – 60 Kilometer nordöstlich von Tokio gelegen – Ende der 1970er Jahre eröffnet wurde. Narita wurde seit seiner Entstehung zum Schauplatz der längsten und blutigsten Auseinandersetzungen in der japanischen Nachkriegsgeschichte. Seit 1966 sahen sich die Bauern der Umgebung nicht nur dazu gezwungen, ihr Land und ihren Besitz vor der Räumung und Enteignung zu bewahren. Mit dem fortschreitenden Ausbau des Flughafens kämpfen sie auch gegen die ökologische Belastung ihrer Ernte. 
Im Film setzen sich zwei Protagonisten mit dem Konflikt auseinander, die für jene Tokioter Generation stehen, welche sich heute kaum mehr der Proteste in den 1960er und 1970er Jahren bewusst ist. Sie erkunden das Flughafengelände, erleben fortwährende Kundgebungen und zeigen eine ländliche Idylle, die – seltsam skurril anmutend – von Rollbahnen durchzogen ist. 

Sayonara Hashima (2009)   

Der Aufstieg und Fall von Hashima, einer 480 x 160 Meter großen Insel im Meer vor Nagasaki, ist beispielhaft für die Dynamik, welche die Ausbeutung natürlicher Ressourcen mit sich bringt. Nachdem 1887 auf der Insel Kohle entdeckt worden war, avancierte der Ort in den 1950er Jahren zu einer sehr ertragreichen Zeche und zu einem der bevölkerungsreichsten Flecken der Erde. Zeitweise bewohnten mehr als 5.000 Menschen die Insel. Bereits 1974 jedoch wurde sie aufgrund der zur Neige gegangenen Rohstoffe verlassen. Unbewohnt und jeglicher Funktion entzogen, überließ man die Architektur den Erosionskräften. 
Wiederentdeckt wurde der Ort erst von der japanischen Filmindustrie, die ihn unter anderem als Kulisse des Blockbusters „Battle Royal“ nutzte. In Fischers und el Sanis Film mischen sich verschiedene Geschichten über die Insel: Unter anderem erzählt der Sohn eines Bergbauarbeiters über seine Kindheit dort. Dokumentierte Erinnerungen verweben sich mit dem filmischen Blick auf diesen Ort und beleben die Ruinen mit Geschichten.

 

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