Sven Johne, Elmenhorst, 2006, still, HD Video 6:30 min. Courtesy the artist and Klemm's, Berlin, © Sven Johne and Klemms´s, Berlin

Sven Johne

IBB-Videolounge

Sven Johne lässt sich nicht auf eine künstlerische Disziplin festlegen. Er ist Fotograf und Videokünstler, vor allem aber Geschichtenerzähler, Forscher und Wanderer. Mithilfe verschiedenster Medien wie Video, Fotografie und Text berichtet er unter anderem von seiner Suche nach einem angeblich frei umherstreifenden Lausitzer Wolfsrudel und von der spektakulären Flucht des Alfred Kleistner aus der ehemaligen DDR. In knappen, humorvollen Textarbeiten erzählt er außerdem von den „Großmeistern der Täuschung“ – Menschen mit einem skurril anmutenden, aber äußerst liebenswerten Spleen wie Joachim Boilstedt. Dieser beschloss mit Eintritt in den Vorruhestand Kosmonaut zu werden. Er baute sich im heimischen Garten ein Raumschiff aus Blech und Sperrholz mit dem Namen „Mission Future“, in dem er 63 Tage lang lebte.

Ein wiederkehrendes Prinzip in Johnes Arbeiten ist die Kombination von Text und Bild, mit der er seinen konzeptuellen Ansatz in der Dokumentarfotografie unterstreicht. Die den Bildern eingeschriebenen Texte, vom Künstler selbst verfasst, sind aber nicht nur formal relevant. Sie verweisen ebenso auf seine akribischen Recherchen zu einer Begebenheit – die er beispielsweise als Randnotiz in der Zeitung findet – wie sie den erzählerischen Charakter seiner Arbeiten deutlich machen. Indem Johne aber in den Texten den nüchternen Berichtstil der Printmedien aufgreift, verwischt er gekonnt die Grenzen zwischen seiner eigenen, auf den Recherchen basierenden, Nacherzählung des Geschehens und dem ursprünglichen Medienbericht.          
In vielen Arbeiten hat der Künstler die Ereignisse in Ostdeutschland während der Jahre des DDR-Regimes oder nach dem Mauerfall beleuchtet. Ob ostdeutsche Landschaften oder der Wiederaufbau der im Vietnamkrieg zerstörten Stadt Vinh durch Fachkräfte aus der DDR; sein Interesse gilt oftmals den Ereignissen in jenem Teil Deutschlands, in dem er geboren wurde und dessen Umwälzung er seit seinem 13. Lebensjahr miterlebte.


Elmenhorst (2006)

Am Ostseestrand der Mecklenburger Bucht beobachtet die Kamera zwei Männer beim Strandspaziergang. Der Ältere hat ein Gewehr geschultert, doch scheint die Situation alles Andere als bedrohlich. Im Gegenteil, die beiden Männer wirken einander vertraut: während ihr Gang immer wieder stockt, tauschen sie ebenso Blicke aus wie sie zugleich dem Blick des Anderen ausweichen. Geht es den beiden um die Klärung eines Streites oder eine grundsätzliche Aussprache? Anstatt aber zu reden, zeigt sich etwas Unaussprechliches und Unausgesprochenes in der Mimik und Gestik der Darsteller. Allein der Titel der Videoarbeit mag das seltsame Verhalten der beiden erklären: Zur Zeit der DDR gehörte die Küste von Elmenhorst zu einem miltärisch streng bewachten Grenzgebiet.  Zwischen 1961 und 1989 versuchten 5.600 DDR-Bürger von hier aus nach Schleswig-Holstein zu fliehen. Nur  913 von ihnen jedoch gelang die Flucht in den Westen. „Elmenhorst“ ist ein stummer Kommentar auf die Frage nach Schuld und nach dem schwierigen Versuch der jüngeren Generation, das regimetreue Verhalten der Älteren nachzuvollziehen.

Wissower Klinken (2007)

Mit Unterstützung des Männerchors Leipzig-Nord führt Sven Johne in „Wissower Klinken“ ein Requiem für den 2005 verstorbenen Touristenführer Klaus Bartels, der auf Rügen von herabfallenden Kreidefelsen erschlagen worden war, auf. Jener Fremdenführer, der auf der Insel stets die „Musikalische Wanderung“ unternommen hat, wird in diesem Werk und zwei Jahre nach seinem Tod, mit einem Wanderlied zu Grabe getragen. Die pietätvolle Interpretation durch die regungslosen Mitglieder des Chores hat jedoch wenig mit der Liedkultur gemein, die Bartels selbst zelebriert hat. Im Gegenteil, sie präsentiert sich als eine der Situation angepasste Interpretation derselben.
Mit den kontrapunktisch nebeneinander erscheinenden Aspekten von Erzählung und Lied ist „Wissower Klinken“ zugleich Hörspiel und Konzert, aber auch Krimi, klassische Tragödie und für manche gar ein Märchen.

Tears of the Eyewitness (2009)

Die Produktion von Erinnerungskultur und die Darstellung von Geschichte durch Worte sind die prägenden Aspekte der Arbeit “Tears of the Eyewitness”. Der Film zeigt die Minuten vor der Aufzeichnung eines Dokumentarfilms über die Leipziger Montagsdemonstrationen. Ein Augenzeuge soll über die Ereignisse berichten, jedoch ist dieser in Johnes Videoarbeit nicht der Erzähler. Diesen Part übernimmt ein Gegenüber, der den vermeintlichen Augenzeugen offenbar auf eine Rolle einstimmen soll. Ob dessen stumme Reaktionen aber auf das Skript des Vorlesers gerichtet sind oder ob er sich auf seinen Part als Gesicht der Protestbewegung vorbereitet, bleibt bis zum Ende unklar. Seine Tränen, die das Ende des Monolgs besiegeln, haben mit Rührung sicher wenig zu tun. Vielmehr mögen sie ebenso gegen das asymmetrische Dialogverhältnis wie auch gegen die Vereinfachung ofizieller Geschichtsschreibung gerichtet sein.

PROGRAMM

Elmenhorst, 2006
HD Video
06min 30sec

Wissower Klinken, 2007
HD Video
08min 20sec

Tears of the Eyewitness, 2009
HD Video
22min 30sec

Courtesy the artist and Klemm’s Berlin

 

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