Otto Dix,Der Dichter Iwar von Lücken, 1926
Otto Dix,Der Dichter Iwar von Lücken, 1926

Otto Dix (1891-1969)

Der Dichter Iwar von Lücken, 1926

Otto Dix ist vor allem Porträtist. Nichts hat ihn so sehr gefesselt und berührt wie der Mensch, wobei es ihm nicht um ein wirklichkeitsgetreues Abbild, sondern um das immer wieder neu zu lösende Rätsel des Menschseins ging. „Der Dichter Iwar von Lücken“ liest man an prominenter Stelle oberhalb der Signatur – offenbar legt der Maler hier großen Wert auf den Beruf des Dargestellten. Um das Porträt eines adligen Dichtergenius handelt es sich jedoch keineswegs. Stattdessen stellt Dix eine dürre Gestalt dar, die in einem zerschlissenen und viel zu weiten Anzug in eine karge Dachkammer von bedrückender Enge gestellt ist. Fremd und verloren wirkt der Poet in dieser tristen Umgebung, die in fade Braun- und Grautöne getaucht ist. In die äußerste Ecke des Raumes gedrängt, ist er eingekeilt zwischen Dachschräge und Stuhl, auf den er sich haltsuchend stützt. Kennzeichnend für die unwirtliche und aussichtslose Situation ist die überall gegenwärtige schräge Linie, die sich leitmotivisch durch das ganze Bild zieht. 


Das edle Wesen in einer banalen Welt – im Motiv der zartgelben Rosen in einer Bierflasche wird das Motiv noch einmal symbolisch überhöht. Mit dem außergewöhnlich großen Bildformat zitiert Dix außerdem den traditionellen Bildttypus des Herrscherporträts und erklärt damit Iwar von Lücken zum tragisch erhabenen Individuum trotz seines Abstiegs in der sozialen Rangordnung. Durch sein vom Leben gezeichnetes Gesicht, die müden, traurig blickenden Augen sowie die Geste der Hingabe, suggeriert durch die herabhängende, zum Betrachter geöffnete rechte Hand, erscheint der Dichter als weltlicher Schmerzensmann.

Der Dichter Iwar von Lücken
1926
Öl und Tempera auf Leinwand
226 x 120 cm
Erworben aus Mitteln der Stiftung DKLB, des Bundesministers des Inneren und des Museumsfonds des Senators für Kulturelle Angelegenheiten, Berlin

© VG Bild-Kunst, Bonn 2011

 
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