Jeanne Mammen, Die Rothaarige, um 1928
Jeanne Mammen, Die Rothaarige, um 1928

Jeanne Mammen (1890-1976)

Die Rothaarige, um 1928

„Die Rothaarige“ gehört zu den Frauen, die unwillkürlich die Blicke auf sich ziehen – nicht nur die leuchtende Farbe ihres Haarschopfes fällt auf. Ihre ganze äußere Erscheinung, auch wenn sie unter einem weiten Frisiermantel nur geahnt werden kann, ist reizvoll. Die Rothaarige ist eine der vielen weiblichen Figuren, die Jeanne Mammen in den späten 1920er, frühen 1930er Jahren mit präzisem Strich festgehalten hat. Damals verdiente sich die Künstlerin ihren Lebensunterhalt mit aquarellierten Bleistift- und mit Tuschezeichnungen, die zur Veröffentlichung in Zeitschriften bestimmt waren. Das Bild der Rothaarigen, die sich von einem Friseur bedienen lässt, erschien 1928 im „Ulk“, der illustrierten Beilage des liberalen „Berliner Tageblatts“. Es zeigt eine aparte Frau: Ihre ungewöhnliche Haarfarbe signalisiert Eigenwilligkeit, Unabhängigkeit von Konventionen, ihre Haltung spricht von Selbstbewusstsein.

Jeanne Mammen hat diese kapriziöse Person, ihre erotische Ausstrahlung und kühle Reserviertheit, durchaus mit Sympathie dargestellt. Für Mammen, die in Paris aufgewachsen war und in Berlin immer eine Einzelgängerin und Außenseiterin blieb, ist der behutsame Umgang mit ihren Figuren charakteristisch. Sie machte keine Karikaturen wie George Grosz, der gleichzeitig und teilweise in denselben Zeitschriften „deutschen Spießer“ und seine plumpe Hässlichkeit gnadenlos aufs Korn nahm. Auch war sie nie von jenem Wahrhaftigkeitsdrang getrieben, der Otto Dix die unvorteilhaften Züge seiner Zeitgenossen hervorheben ließ. Mammen besaß eine nicht weniger genaue und scharfe Beobachtungsgabe als ihre Kollegen, doch war diese bei ihr nicht mit Aggressivität und extremer Unbedingtheit, sondern mit Sensibilität und Menschenfreundlichkeit verbunden – es waren diese Seiten ihrer Persönlichkeit, die sie auf eine übertreibend zugespitzte Darstellung ihrer Figuren verzichten ließ.

Die Rothaarige, um 1928
Aquarell und Bleistift auf Papier
34,7 x 31 cm
Schenkung der Jeanne-Mammen-Gesellschaft, Berlin 1997

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