So weit kein Auge reicht

BERLINER PANORAMAFOTOGRAFIEN AUS DEN JAHREN 1949–1952

Aufgenommen vom Fotografen Fritz Tiedemann
Rekonstruiert und interpretiert von Arwed Messmer

Die Ausstellung mit panoramatischen, bis zu 25,5 Metern langen Bildern Ostberlins aus der Zeit um 1950 zeigt 13 in dieser Weise erstmals rekonstruierte und digital neu zusammengefügte Aufnahmen eines Fotografen, dessen Identität nunmehr gelüftet werden konnte: Stadtfotografie in überwältigenden Dimensionen aus dem Berlin der Nachkriegszeit.

 Die Fotografie hat viele Gesichter. Als Medium der Moderne ist sie auch das Medium des Urbanen. Sie dokumentiert den Aufstieg und den Fall der Städte und folgt dabei den unterschiedlichsten Intentionen. Zur Zeit findet in der viel besuchten Ausstellung „So weit kein Auge reicht“ eine fotografische Begegnung der besondern Art statt. Scheinbar sind es dieselben Fotografien –spektakuläre Panoramaaufnahmen des zerstörten Ostberlins im Wiederaufbau – die sowohl als großformatige Bilder an der Wand hängen als auch in kleinen Kontaktabzügen in Vitrinen liegen, und doch treffen da unterschiedliche fotografische Haltungen aufeinander, hinter denen zwei Bildautoren stehen.

Stieß der Stadtfotograf Arwed Messmer vor zwei Jahren bei Recherchen in der Berlinischen Galerie auf den spannenden Fundus von Aufnahmen eines damals nch namenlosen Stadtfotografen aus Ostberlin um 1950, so war dank intensiver Nachforschung bis Ausstellungseröffnung bereits dessen Nachname „Tiedemann“ ermittelt worden. Im Rahmen der Berichterstattung über die Ausstellung konnte nun auch die Identität dieses Fotografen ermittelt werden:

Es ist Fritz Tiedemann ein gelernter Vermessungstechniker und erfahrener Photogrammeter. Somit handelte es sich bei dem Fotografen um einen Fachmann, der sich auf dem weiten Feld der Messbildtechniken anhand unterschiedlicher Verfahren mit der Vermaßung und dem Aufriss von Gebäuden oder mit der Erfassung von topografischen Gegebenheiten befasste.

Phase 1:

Die Dokumente des Fotografen Fritz Tiedemann

Im Berlin der frühen Aufbaujahre machte sich Fritz Tiedemann an seine umfangreiche Arbeit: ausgerüstet mit einer Großformatkamera dokumentierte er im Auftrag des Magistrats der DDR-Hauptstadt zentrale Schauplätze, aber auch andere Orte, welche für die Stadtplanung von großer Bedeutung waren: Seine rund 1.500 in der Berlinischen Galerie bewahrten Aufnahmen zeigen den Pariser Platz oder das Areal des zerstörten Schlosses ebenso wie die Baustelle des Walter-Ulbricht-Stadions oder eine Sandentnahmestelle an der Peripherie.
Um die damalige Leere und Weite der zerstörten Stadt darzustellen, konzipierte Fritz Tiedemann oftmals horizontale Reihen von überlappenden Einzelaufnahmen, die in ihrer Zusammenschau die jeweiligen Orte in weit ausgreifender, spektakulärer Panoramaansicht wiedergeben. Dabei folgten zahlreiche Aufnahmen den Vorgaben der Messbildfotografie (wie etwa die in manchen Bildern sichtbare Meßlatte), die neben der Abbildung des Gebäudes auch Informationen über deren Größe transportieren sollten.

Phase 2:

Die Metamorphose der Bilder durch Arwed Messmer

Welch fotografisches Potential in diesen Bestandsaufnahmen steckt, hat nun die Arbeit von Arwed Messmer an den Tag gebracht. Die einzelnen, bescheiden auf Umschläge geklebten Sequenzen nimmt Messmer nicht nur als Dokumente sondern auch als Bilder wahr, montiert sie digital und präsentiert sie als zusammenhängende fotografische Kompositionen. Arwed Messmer greift dabei in die Bilder ein, schafft die Illusion eines einheitlichen Bildraums und kreiert somit eine neue, synthetische Bildwirklichkeit. Doch dadurch wird die in den Bildern eingeschlossene Vergangenheit und Wirklichkeit nur lesbarer. In den großformatigen Abzügen erscheinen die Details wie durch ein gewaltiges Brennglas vergrößert, und der Betrachter kann sich in sie versenken oder aus der Distanz die Stadt als eine weite, historische Landschaft wahrnehmen.

„So weit kein Auge reicht“ vollzieht somit eine vielfältige Metamorphose der Bilder: von den ursprünglichen Kontaktkopien des Archivs zum zeitgenössischen Tafelbild an der Wand, von der rein funktionalen Natur der Aufnahmen hin zu ihrer ästhetischen Qualität, von den visuellen Fragmenten kollektiver Erinnerung zu einer ungewohnten Seh-Erfahrung.

Der Fotograf Fritz Tiedemann                                  

14. Februar 1915 Hamburg - 23. November 2001 Münster, Westfalen          

Die Identität hinter dem Namen "Tiedemann" konnte im Laufe der Ausstellung eindeutig geklärt werden. Eine ehemalige Kollegin von Fritz Tiedemann sowie Nachfahren des Fotografen waren im Rahmen landesweiter Berichterstattung auf diese Ausstellung aufmerksam geworden und meldeten sich im Museum.

Fritz Tiedemann erlernte den Beruf des Vermessungstechnikers und wurde beim Militär als Photogrammeter, als Spezialist für fotografische Messbildverfahren, ausgebildet. Seine fotografischen Kenntnisse waren für die Dokumentation von baulichen Kriegsschäden und als visuelle Grundlage für zukünftige Planungen von großer Bedeutung. Im Februar 1948 begann er seine Arbeit als Fotograf im Amt für Denkmalpflege beim Magistrat von Groß-Berlin, Hauptamt für Stadtplanung mit der Bestandsaufnahme kriegsbeschädigter historischer Bauten. Nach der Teilung der Stadt und der Bildung eines eigenen Ostberliner Magistrats wurde er im Oktober 1949 Angestellter des neuen Magistrats, Abteilung Aufbau. Nun galt es auch schon daneben den Umbau der Stadt dokumentarisch festzuhalten, wie auf den Panoramaaufnahmen der hiesigen Ausstellung zu sehen. Am 28. Februar 1953 wurde Fritz Tiedemann beim Versuch, Gebäudeaufnahmen der Westberliner Denkmalpflege zu übergeben, verhaftet und verurteilt. Nach den Ereignissen des 17. Juni 1953 wurde er vorzeitig entlassen. Im September floh er mit der Familie nach West-Berlin; nach Aufenthalt im Notaufnahmelager Marienfelde wurde die Familie nach Hamburg ausgeflogen. Von Januar 1954 bis zum Eintritt in den Ruhestand war er als Photogrammeter bei der Firma Plan und Karte, der späteren Hansa Luftbild GmbH in Münster, Westfalen tätig.

Arwed Messmer

Jahrgang 1964, studierte Fotografie an der Fachhochschule in Dortmund. Nach einer frühen Serie über ostdeutsche Landschaften zu Beginn der 1990er Jahre, setzte sich Messmer in seiner weiteren künstlerischen Arbeit vor allem mit der Topografie der modernen Städte auseinander. Seither widmet er sich auch immer wieder der Umgestaltung Berlins. Sein dokumentarisches Augenmerk gilt dabei nicht nur den sichtbaren Metamorphosen der Architektur, sondern auch der historischen Dimension dieser Orte, die sich wie ein Filter vor die Wahrnehmung der heutigen Wirklichkeit schiebt, wie dies etwa in der mehrteiligen Arbeit „Potsdamer Platz Anno Zero“, 1994/95 und der Serie „Stadt/City“, 1994-1998 zum Ausdruck kommt. Im Rahmen der Recherchen für sein neues Buchprojekt „Anonyme Mitte – Berlin“, das Mitte 2009 erscheinen wird, stieß Arwed Messmer 2006 in der Berlinischen Galerie auf die Aufnahmen Tiedemanns und entwickelte so die Idee zu dieser Ausstellung.

 

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