Schreib mir Emmy!

Zeitgenössische Interpretation von Jeanne Mammens Drehbuch (um 1937)

Die Machtübernahme Hitlers beendete Jeanne Mammens erfolgreiche Tätigkeit als Illustratorin. Mehr denn je wurde das Atelier im vierten Stock des Gartenhauses Kurfürstendamm 29 für die Künstlerin zum lebenswichtigen Rückzugsort. Ihre Isolation verstärkte sich durch die Emigration von nahen Freunden sowie ihrer Schwester Mimi, mit der sie von Jugend an besonders eng verbunden war. In den folgenden zwölf Jahren praktizierte Mammen eine – nicht ungefährliche – künstlerische Auseinandersetzung mit der verfemten Moderne. Um 1937 tauchen vermehrt Motive von Abschied und Reise in ihrer Kunst auf. Der große Hamburger Hafen faszinierte die Künstlerin, und als ein Ort des Abschieds spielt er ihrem Filmdrehbuch mit dem Titel Schreib mir Emmy! eine besondere Rolle. Das im Nachlass gefundene Manuskript handelt vom Traum des jungen Max. Er liegt im Bett und macht sich Sorgen um Emmy, die von Hamburg aus eine lange Schiffsreise unternommen hat. Gleich nach ihrer Ankunft in New York wird sie Max schreiben, so war es verabredet. Sein Traum imaginiert die Abenteuer der Postkarte, die per Schiff zu ihm unterwegs ist und dabei die verschiedensten Hindernisse überwinden muss. In ihrem Text entwirft Mammen alptraumhafte, groteske Szenen an verschiedenen Schauplätzen: Großstadtstraßen, Hafenpiers und -brücken, ein Schiffsdeck, der Botanische Garten und das Berliner Völkerkundemuseum. Zahlreiche Bösewichte haben es auf die Postkarte abgesehen. Max muss sie besiegen. Am Ende aber fällt die Karte durch den Briefschlitz und dem jungen Mann vor die Füße. In dem Skript hat Mammen genaue Kameraeinstellungen oder den Wechsel von Positiv- auf Negativbild vorgegeben, sie war offensichtlich vertraut mit der Filmkunst der 1920er-Jahre, etwa mit Eric Saties und René Clairs Entr‘act (1924) oder Walther Ruttmanns Sinfonie einer Großstadt (1927).

Mammens Drehbuch wurde anlässlich der Retrospektive zum ersten Mal filmisch umgesetzt:

Schreib mir Emmy! Animierte Episoden zum Drehbuch der Jeanne Mammen

Realisiert im Sommersemester 2017 von Studierenden der Hochschule für Künste Bremen. Der Kurs wurde geleitet von Prof. Heike Kati Barath (Malerei), Ulrike Isenberg, Leiterin der Film-und Videowerkstatt, Prof. Kilian Schwoon (elektroakustische Komposition).
Studierende: Livia Brocke, Bohi Choi, Ji Yoon Chung, Armando Ducellari, Grace Esford, Nathalie Gebert, Hairihan, Mayuko Kudo, Luan Lamberty, Stephan Mangelsen, Emre Meydan, Lennard Mülder/ Lukas Bode, Elise Müller, Ghaku Okazaki, Ole Prietz, Johanna Rafalski, Yoriko Seto, Antonia Wetzel, Lea Woltermann.

Lauflänge des Films: 25 Minuten

In dem umfangreichen zeichnerischen Werk Jeanne Mammens sind nur drei Skizzen für das Filmskript zu identifizieren. Ein Storyboard hat die Künstlerin nicht hinterlassen. Dieser Umstand gab dem Berliner Zeichner Manuel Kirsch die Freiheit, den Text in ein Graphic Novel mit 78 Bildsequenzen zu übersetzen, das zusammen mit Mammens Skizzen und ihrem Drehbuch erstmals in der Ausstellung gezeigt wird.

Screening und Gespräch zwischen der Kuratorin Annelie Lütgens und den Autor*innen des Films: 20.10.2017, 17–18 Uhr Ausstellungsbesuch (Museumseintritt), ab 18 Uhr Screening und Gespräch (Eintritt frei).

Nutzung des Manuskripts mit freundlicher Genehmigung des Fördervereins der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V.

 

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