atelier le balto, Gartenparade, Berlinische Galerie, Foto: atelier le balto

"Neue Landlust zwischen Beton und Asphalt"

Das atelier le balto und die Gartenparade

Das städtische Umfeld der Berlinischen Galerie ist geprägt durch Wohnbauten, die zur Schließung kriegsbedingter Baulücken in den späten 80er Jahren im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) errichtet worden waren. Das eigentliche Gebäude des Museums stammt aus dem Jahr 1966 und diente ursprünglich als Glaslager. Noch heute hat die Glaserinnung in einem Teil des Gebäudekomplexes ihren Sitz und verweist auf dessen industrielle Vergangenheit. Die Alte Jakobstraße wurde im Zuge der Neubebauung zu einer Kastanienallee, was den Straßenzug aufgewertet hat. Nichts jedoch deutet auf den Standort eines Museums hin. Erst, wenn man schon fast vor dem Gebäude steht, weisen Fahnen den Weg, und ein Projekt des Architekturbüros Kühn/Malvezzi, das aus einem Kunst am Bau-Wettbewerb hervorgegangen ist, betont die Besonderheit des Ortes durch ein gelbes Buchstabenfeld mit 160 Namen von Künstlerinnen und Künstlern aus der Sammlung des Museums.

Seit Eröffnung der Berlinischen Galerie am neuen Standort im Jahr 2004 wurde der Platz vor dem Haus immer wieder für unterschiedliche Aktivitäten genutzt. Zumeist geschah dies jedoch nur temporär im Rahmen museumspädagogischer Aktivitäten, von Festen oder während des Internationalen Monats der Fotografie 2010 mit der temporären Architektur „Soft Solution“ der Architektenkooperative raumlabor berlin. Die Grünflächen vor dem Museum zur Alten Jakobstrasse hin wurden bislang nicht genutzt. So entstand der Wunsch, den Außenraum des Gebäudes durch ein Gartenprojekt zu dynamisieren und zeitgenössische Tendenzen bei der Schaffung neuer Gärten in der Stadt aufzugreifen. Seit einigen Jahren bereits entstehen in den Städten neue Gartenformen, welche in ihrer Konzeption ganz unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Coole Guerilla-Gärtner erobern mit Gemüsepflanzungen ihre Nachbarschaft, Brachen werden zu einem gemeinschaftlichen Gartenprojekt, und wilde Bepflanzungen bemächtigen sich der von den Gartenämtern sorgsam angelegten Grünflächen. Gartenprojekte in großer Vielfalt erobern die Stadt zurück, werden zu einem Sinnbild politischen Handelns und offenbaren eine „neue Landlust zwischen Beton und Asphalt“¹, eine neue Vision des urbanen Zusammenlebens.

Gartenparade, atelier le balto, 2014, © Foto: Carolin Wagner
Gartenparade, atelier le balto, 2014, © Foto: Carolin Wagner
Gartenparade, atelier le balto, 2014, © Foto: Nina Straßgütl
Gartenparade, atelier le balto, 2014, © Foto: Nina Straßgütl

Obgleich durch Kastanien recht üppig bewachsen, wurde die Strenge der Außenanlage der Berlinischen Galerie kaum durch spielerisch-anarchische Elemente aufgelockert. Um dies zunächst für einen Zeitraum von 5 Jahren zu ändern, entwickelte das atelier le balto ein Konzept für den Außenraum des Museums, welches die Möglichkeit der Partizipation bieten und überdies modular zu erweitern sein sollte. Die Landschaftsgestalter Marc Pouzol, Véronique Faucheur und Marc Vatinel, die als atelier le balto in Berlin zusammenarbeiten, haben  Gartenprojekte für Kulturinstitutionen und vergessene oder vernachlässigte Orte entwickelt. Jedes ihrer Projekte unterliegt dabei einer prozesshaften Arbeitsweise, die dem zyklischen Wachstum der Natur entspricht. Vorhandene Strukturen werden ebenso berücksichtigt wie die sich entwickelnde Nutzung und das nicht immer vorherbestimmbare Wachstum der Vegetation; auch Geschichte und spezifische Umgebung des jeweiligen Ortes spielen eine Rolle. Für die Gartenparade waren die zahlreichen, bisweilen erratisch auftretenden Baustellen Berlins eine Inspirationsquelle. Ein rechteckiges Beet wurde direkt vor dem Museum in den Asphalt eingelassen und mit massiven Holzplanken begrenzt, die an jene Bohlen zur Absicherung von Baustellen erinnern. Es scheint, als hätten sich die Pflanzen durch den Asphalt hindurch gearbeitet, als eroberten sie Terrain zurück. Die übrigen Beete sind in offener Anordnung auf einer ehemaligen Rasenfläche vor dem Museumscafé angeordnet. Die Fläche um die Beete herum wird durch Schlacke-Steine, einen grobkörnigen Bodenbelag, markiert. Den oberen Abschluss der beplankten Begrenzung bildet jeweils eine wetterbeständige Ablage aus Metall, die bei Veranstaltungen als Theke funktionieren kann und den kommunikativen Aspekt betont, der le balto bei ihren Arbeiten so wichtig sind.

Das Atelier wurde im Jahr 2001 gegründet. Seither sind an verschiedenen Orten der Welt Gärten entstanden, die bisweilen temporären, bisweilen auch permanenten Charakter haben. Die inspirierendsten Gärten hat le balto an Orten eingerichtet, die eine eher schwierige Ausgangssituation boten: problematische Bodenverhältnisse, fehlende Sonne oder auch ein raues urbanes Umfeld. Diese Widrigkeiten und die Auseinandersetzung mit Berlins urbanen Lücken begreifen le balto stets als Herausforderung, tasten sich an eine Projektidee heran und setzen diese in engem Dialog mit den Auftraggebern um. Die von le balto entwickelte Gartenästhetik hinterfragt die verschiedenen zur Stadt gehörenden Strukturen, Gegebenheiten, Kontexte und Räume, die die neuen grünen Orte soziokulturell und politisch aufladen. Grüne Signaturen sollen in einer neuen urbanen Zivilisation entstehen und eine Identifikation jenseits einer großen gartenarchitektonischen Geste mit dem städtischen Umfeld ermöglichen.

Gemeinsamer Gartenbau-Workshop, Foto: Diana Brinkmeyer
Teil der Gemeinschaftsgärten vor dem Museum, Foto: Fiona Finke
Pflanzkisten im Gemeinschaftsgärten vor dem Museum, Foto: Diana Brinkmeyer

Das Projekt von le balto vor der Berlinischen Galerie ist als Ausgangspunkt für eine sukzessive Erweiterung der Gartenidee vor dem Museum gedacht. Seit Sommer 2014 ist eine Aktivität der kulturellen Bildung angegliedert. Die Gartenparade wurde um Gemeinschaftsbeete erweitert, die Nachbarn, Museumsmitarbeiter, Schüler und andere Interessierte frei nutzen und mitgestalten können. Gleich zu Projektbeginn waren die künftigen Gärtner involviert: In einem öffentlichen Gartenbau–Workshop wurden gemeinsam die Beete gezimmert, die Erstbepflanzung angelegt und ein kreatives Schildersystem entwickelt. Das Gartenprojekt bietet Raum für nachbarschaftliche Begegnungen und Austausch und soll peu-à-peu – geleitet von den Interessen und Bedürfnissen der Museumsanrainer – wachsen, oder gar sich anarchisch in den Stadtraum ausweiten.

Das Urban Gardening-Projekt gehört zu den umfangreichen Aktivitäten im Bildungsbereich während der Sanierungsphase des Museums. So wird die städtische Umgebung der Berlinischen Galerie mit künstlerischen Mitteln erkundet, und neue, kollaborative Formen der Zusammenarbeit mit Nachbarn, Schulen und Vereinen des Viertels werden als Erweiterung der Vermittlungsarbeit des Museums erprobt. Viele der Workshops im Atelier Bunter Jakob werden die neuen Gärten als Forschungsfeld und Material nutzen: Aus Pflanzen wird Farbe hergestellt oder mit unkonventionellen Ordnungssystemen experimentiert. Die Gartenparade des atelier le balto dient als Ideengeber und Inspiration und gibt Zeugnis von einem sich wandelnden Selbstverständnis von Stadt und Urbanität.

 

Artikel von Dr. Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie, erscheint im Museumsjournal, Ausgabe Oktober 2014

 

¹ Martin Rasper, Vom Gärtnern in der Stadt. Die neue Landlust zwischen Beton und Asphalt, München 2012.

 

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