Restaurierung

Die Rettung der Urbach-Fotografien

Wasserschäden sind die Katastrophen, die in Archiven am häufigsten vorkommen. Schon eine geringe Menge Wasser kann Fotografien innerhalb kurzer Zeit vollständig vernichten: Die Gelatineschicht wird durch Wasser so stark abgebaut, dass sie sich – und damit das Bild – darin auflöst. Gleichzeitig kann sich Schimmel bilden. Über solche und ähnliche Schadensfälle wird in der Abteilung Restaurierung der Berlinischen Galerie entschieden, um die Kunstwerke dann entweder dort zu bearbeiten oder an externe Experten weiterzugeben.

Der folgende Beitrag schildert die Rettungsmaßnahmen eines konkreten Falls:
Im Juli 2013 kamen 18 Fotocollagen des Architekten und Grafikers Dieter Urbach in die Berlinische Galerie, die zum Teil auch in der Ausstellung Radikal Modern zu sehen waren. Sie sind in einem stark restaurierungsbedürftigen Zustand. Offensichtlich waren die Arbeiten in der Vergangenheit einer erhöhten Luftfeuchtigkeit ausgesetzt, einige Collagen lagen zeitweise wahrscheinlich vollständig im Wasser.

Detail: Dieter Urbach, Palasthotel, Blick in die Karl-Liebknecht-Straße, 1977, Silbergelatinepapier, Bildcollage auf Hartfaser/ Karton, 73 x 105 cm, Repro: Ulrike Kohl

Wasserschäden

Durch den Wasserkontakt hat die Gelatineschicht ihre Festigkeit und ihren Zusammenhalt verloren. Die sonst widerstandsfähige Schicht pudert bei geringster Berührung ab. Ein vertikales Ausstellen ist nicht mehr möglich, jede Bewegung ein Risiko. In einigen Bereichen löst sich das Bild in großen Schollen ab. Wie bei historischen Gemälden kann sich auch bei der Gelatineschicht von Fotografien ein „Craquelé“ bilden: Die Bildschicht ist von einem Netz kleiner Brüche überzogen. Die Schollen stehen an den Rändern hoch und können schon bei geringsten Bewegungen abblättern.

Zwei der Collagen lagen besonders lange im Wasser. Äußerst stark betroffen ist die Arbeit, die den Berliner Dom zeigt. Der Dom ist im Bild fast zur Hälfte verschwunden, nur noch die Konturen sind sichtbar. Alle übrigen Collagen sind sehr fragil, aber die Bildinformation lässt sich zum Glück noch retten!

Große Bereiche mit deutlichen Bildstörungen sind beim Betrachten so dominant, dass sie vom eigentlichen Bildinhalt ablenken. Fehlstellen treten meist optisch stark hervor und stören den Gesamteindruck eines Objektes. Das Ziel einer Restaurierung ist daher, dass solche Bereiche ergänzt werden und mit dem Original wieder eine optische Einheit bilden.

Detail: Dieter Urbach, Freiraum vor dem Fernsehturm mit Neptunbrunnen, Palast der Republik und Berliner Dom, 1973 Silbergelatinepapier, Bildcollage auf Hartfaserkarton 61 x 69 cm, Repro: Ulrike Kohl

Da das Bild des Berliner Doms nur noch zur Hälfte erhalten ist, ist es kaum möglich, eine bildhafte Ergänzung auszuführen. Daher wird so eine Partie normalerweise neutral, also monochrom, retuschiert. Weil es zu den Collagen aber oft gut erhaltene Diapositive gibt, die Urbach für seine Präsentationen verwendete, ist die Bildinformation in manchen Fällen eindeutig rekonstruierbar. Die Fotografien könnten hier bildhaft ergänzt und retuschiert werden.

Noch wichtiger ist jedoch eine allgemeine Stabilisierung der Fotoschichten. Hierfür muss eine geeignete Konsolidierungstechnik und ein entsprechendes  Festigungsmittel gewählt werden. Weil die Bildschicht durch den Schaden wasserlöslich geworden ist, kann sie sich natürlich auch im Festigungsmittel auflösen! Deshalb muss der Klebstoff, der die pudernden Bereiche letztlich wieder zusammenhält, in Form eines Nebels aufgetragen werden. Mit einem Ultraschallvernebler wird der Klebstoff so fein verteilt, dass die Bildschicht gefestigt wird und das Silberbild dabei nicht verläuft.

Der verwendete Klebstoff muss alterungsbeständig sein und den „Photographic-Activity-Test“ bestanden haben. Das heißt, es muss vorher nachgewiesen werden, dass das Silberbild nicht etwa durch den Klebstoff selbst chemisch angegriffen wird.

Detail: Dieter Urbach, Palasthotel, Blick in die Karl-Liebknecht-Straße, 1977, Silbergelatinepapier, Bildcollage auf Hartfaser/ Karton, 73 x 105 cm, Repro: Ulrike Kohl

Schimmelbefall 

Erhöhte Luftfeuchtigkeit und direkter Wasserkontakt haben bei den Bildcollagen von Dieter Urbach zu verschiedenen Schadensbildern geführt. Neben Verfärbungen, Fleckenbildung und Wasserrändern sind die Collagen stellenweise von Schimmel befallen.  Schimmelsporen können sich unter bestimmten Bedingungen schnell vermehren und zu einem Risiko für Kunst und Mensch werden. Da sie toxisch und allergen auf Personen wirken können, muss der Befall unbedingt behandelt werden.

Auch für die Bilder selbst birgt der Schimmelbefall ein großes Risiko. Er kann die Bildschicht der Fotografien und die Papierträger zerlegen. In stärkerer Ausprägung kann das „Pilzmyzel“ so wachsen, dass die Objektoberfläche dadurch komplett abgedeckt wird. Durch Fleckenbildung kann die Bildinformation stellenweise ganz verschwinden.

Jede Collage muss daher auf Schimmelbefall untersucht werden. Eingesetzt wird eine neue Messmethode aus der Lebensmittelindustrie, die die Keimzahl betroffener Flächen bestimmen kann. Befallene Collagen müssen unter strengen Sicherheitsvorkehrungen mit Schutzausrüstung und in einer Sicherheitswerkbank gereinigt werden.

Klebstoffrückstände und abgelöste Montageelemente

Der Klebstoff, der die einzelnen Collagefragmente zusammenhält, ist gealtert und stark verfärbt. Vor der Alterungsreaktion war er durch seine klare Farbe nicht sichtbar. Nun wird der Bildcharakter dadurch teilweise sehr stark gestört. An dieser Stelle muss der Klebstoff entfernt werden. Die Alterungsreaktionen des Klebstoffs haben zur Folge, dass die Klebkraft nachlässt. Viele Collageelemente lösen sich deshalb von der darunter liegenden Bildschicht. Sie müssen mit einem alterungsbeständigen Klebstoff wieder fixiert werden. Die Klebstofflösung muss zuvor getestet sein und darf keine chemische Reaktion mit dem Bildsilber eingehen.

Verwerfung der Trägermaterialien 

Die Bildcollagen sind alle auf einem zweiten Träger aufgebracht. Durch den Wasserkontakt ist dieser bei vielen Collagen stark verwellt, besonders deutlich ist dies bei der Collage „Palast-Hotel“ der Fall.  
Da das holzhaltige Material der Bildträger die Fotografien schädigen könnte, sollen die Collagen vom Trägeruntergrund abgelöst werden. Zur Stabilisierung werden sie anschließend auf einen neuen Träger aufgebracht, der für die Fotografien unschädlich ist. Erst nach dem Austausch der verwellten Träger können die Fotografien für die Ausstellung gerahmt werden.

 

 

 

 

Die Collagen werden im Rahmen der Initiative Kunst auf Lager durch die Fotografierestauratorin Stefanie Pfeifer und das Restaurierungsatelier Klaus Schade in Berlin restauriert. Zur Ausstellung „Radikal Modern“ stehen die Fotografien dann in stabilem und ästhetisch genügendem  Zustand wieder zur Verfügung.

 

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